Wie Theranos alle an der Nase herumführte - Digital Marketing Magazin
Das Buch "Bad Blood" von John Carreyrou ist ein medizinischer Krimi, der auf einem echten Fall beruht, der sich im Silicon Valley ereignete und bei dem es um das Startup Theranos geht.

Die Protagonistin Elizabeth Holmes und ihr Assistent und Vertrauter Ramesh "Sunny" Balwani sollen vor Gericht stehen. Ihnen drohte eine 20-jährige Haftstrafe, weil sie Investoren um Hunderte von Millionen Dollar betrogen haben.

Zusammenfassung

Ein einziger Tropfen Blut sollte reichen, um Blutbilder zu erstellen und Therapien zu steuern – eine Riesenhoffnung für Millionen Menschen und ein extrem lukratives Geschäft. Namhafte Investoren steckten Unsummen in das junge Unternehmen, bis es mit neun Milliarden Dollar am Markt kapitalisiert war.

Es gab nur ein einziges Problem: Die Technologie hat nie funktioniert. Pulitzer-Preisträger John Carreyrou kam diesem gigantischen Betrug auf die Spur und erzählt in seinem preisgekrönten Buch die packende Geschichte seiner Enthüllung.

Theranos Poster

Theranos Poster. Quelle: flickr / Jack Szwergold / CC BY 2.0

 

Die mit 19 Jahre sehr junge Holmes galt als eine Hoffnungsträgerin, die sich nicht weniger als eine Revolution der Medizin vorgenommen hat. Dabei sollte in einziger Bluttropfen, der mit einem Hightec-Pflaster abgedeckt wird, schon ausreichen, um Blutbilder zu erstellen und Diagnosen daraus abzuleiten. Das Ganze sollte künftig Labore überflüssig machen.

Sie wurde von Hochglanzmagazinen und in seriösen Fachmagazinen hoch gelobt, Bill Clinton interviewte sie, erfahrene Finanziers nahmen sich des jungen Mädchens an und vertrauten ihr bedingungslos, ehemalige und aktuelle hochrangige Regierungsvertreter gaben ihr ihre volle Unterstützung.

All das hielt zehn Jahre lang an und stellte sich am Ende als Blase heraus. Allerdings hat es diese Blase mit Hilfe von aggressiver PR, kompetenter juristischer Unterstützung und totaler Überwachung der Mitarbeiter geschafft, einen solchen Schutz um sich herum aufzubauen, dass es schon sehr überraschend ist, dass sie dann doch geplatzt war.

Alles bei Theranos wurde bewusst, soweit es eben nur ging, im Unklaren gelassen. Das Ganze wurde gegenüber der Öffentlichkeit gerechtfertigt, dass man die Technologie geheim halten müsse. Das hat bis zum Ende auch die Investoren bei der Stange gehalten.
 

Blut im Blutröhrchen. Quelle: Karolina Grabowska von Pexels

Theranos Story

Die Erfolgsgeschichte von Theranos (zusammengesetzter Name aus den Wörtern "Therapie" und "Diagnose") ist eng mit der Persönlichkeit von Elizabeth Holmes verknüpft, die ihr Startup mit etwa 20 Jahren konzipierte und mit 22 Jahren begann, es in die Tat umzusetzen.

Charmant und hübsch, mit einem warmen Lächeln und großen blauen Augen, glaubte sie an den Erfolg ihres Start-ups und steckte andere mit ihrem Glauben an.

Elizabeth Holmes

Elizabeth Holmes. Quelle: flickr / Bruce Detorres / CC BY 2.0

 

Selbst ein gewiefter Investor wie der Medienmogul Rupert Murdoch investierte Millionen in Theranos, ohne einen Verdacht zu hegen. Medizinische Startups waren im Silicon Valley recht selten, im Vergleich zu beispielsweise Legal Tech Startups, was dazu beitrug, Theranos bei den Investoren auf die Agenda zu setzen.

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Holmes Biografie

Elizabeth Holmes wurde 1984 in Washington geboren. Ihr Vater war Regierungsbeamter, ihre Mutter arbeitete als Kongressabgeordnete. Beide stammten aus wohlhabenden Familien, die nach und nach ihr Vermögen verloren. Offenbar hörte Elizabeth seit ihrer Kindheit die Familiengeschichten, bei den der persönliche und wirtschaftliche Erfolg immer eine dominierende Rolle spielte, was sich prägend auf sie auswirkte. Sie träumte von der Wiederbelebung der früheren Größe der Familie.

Sie war sieben Jahre alt, als sie versuchte, eine Zeitmaschine zu erfinden und füllte Notizbücher mit verschiedenen Versionen ihrer Zeichnungen. Mit zehn Jahren verkündete sie ihren Eltern, dass sie Milliardärin werden würde, wenn sie groß sei, und das war kein Scherz. Schon damals setzte sie sich ein Ziel.

In der Schule war sie nicht besonders beliebt, aber das gab ihr die Möglichkeit, mehr Zeit mit dem Lernen zu verbringen und nach der Schule nach Stanford zu gehen. Elizabeth erhielt ein Stipendium für ihr Studium, das sie nach eigenem Gutdünken verwenden konnte.

Von klein auf hörte Elizabeth auf ihren Vater, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Menschen in kriegsgeschüttelten Ländern zu helfen. Er vermittelte ihr, dass das Leben ein hochgestecktes Ziel haben sollte, dass sie etwas hinterlassen, etwas Bedeutendes für das Gemeinwohl tun und nicht nur reich werden sollte.

Chemieingenieurwesen

Chemieingenieurwesen. Quelle: ThisIsEngineering von Pexels

Chemieingenieurwesen als Studienfach

Für Elizabeth schien es, dass die Biotechnologie beides möglich machte. Und so wählte sie Chemieingenieurwesen als ihr zukünftiges Hauptfach. Sie besuchte den Unterricht mit Interesse, und einmal im Sommer absolvierte sie ein Praktikum in Singapur, wo gerade eine neue akute Atemwegsinfektion ausgebrochen war. Elizabeth untersuchte Patiententests - Nasenabstriche und mit einer Spritze abgenommenes Blut.

Sie war sich sicher, dass es eine andere, fortschrittlichere Methode geben müsste, um diese Ergebnisse zu erhalten. So wurde die Idee für einen kleinen Aufkleber am Arm geboren, der Krankheiten diagnostizieren und gleichzeitig heilen sollte. Im Jahr 2003 meldete sie ein Patent für ein Pflaster an, das Medikamente durch die Haut an den Körper abgibt, und erhielt die Genehmigung von ihrem Fakultätsdekan Channing Robertson.

Der Aufbau der Firma beginnt

Elizabeth verlässt ihr Studium und nutzt das Stipendium als erstes Kapital für ihre Firma Theranos, die Tests mit einem einzigen Blutstropfen durchführen soll.

Solch einen Test könnte ein Patient selbst durchführen, ohne das Haus für einen Besuch im Labor verlassen zu müssen und ohne Zeit zu verlieren. Ein kleines Klebepflaster mit Nadeln, etwa in der Größe einer Kreditkarte, muss auf den Finger geklebt werden.

Die Nadeln durchstechen die Haut fast schmerzlos und ein Tropfen Blut gelangt in die kleinen Kanäle im Inneren des Chips. Es wird einige Zeit dauern, bis das Blut verarbeitet ist, und dann werden die Ergebnisse über Wi-Fi an den Computer des Arztes gesendet.

Dies verschafft sowohl dem Patienten als auch dem Arzt Zeit und stellt sicher, dass die Krankheit rechtzeitig erkannt werden kann. Außerdem ist sie viel moderner und weniger traumatisch als die übliche Spritze, vor der viele Patienten Angst haben. Soweit die Theorie.

Elizabeth gelang es, Dean Robertson mit ihrer Begeisterung anzustecken, und der promovierte Chemiker Shaunak Roy wurde als erster Mitarbeiter eingestellt. Robertson wurde das erste Vorstandsmitglied des Unternehmens und stellte Elizabeth bei ihm bekannten Investoren vor.
 

Chemie. Quelle: Stef von Pexels

Das erste Investment

Ihr erstes Büro war ein Keller, gefolgt von mehreren ähnlichen. Es war klar, dass ohne eine Kapitalinfusion das Geschäft ins Stocken geraten würde. Elizabeths familiäre Verbindungen und Bekanntschaften kamen ins Spiel.

Ihr Nachbar war einst der Millionär Tim Draper, mit dessen Tochter Elizabeth befreundet war. Tim Draper investierte seine erste Million in Theranos, und das diente unter anderem als gute Publicity.

Er war als gewiefter Investor bekannt und hatte einst in Hotmail investiert, einen E-Mail-Dienst, als ihn noch kaum jemand kannte. Neben Draper gelang es ihr, einen weiteren Investor, Victor Palmieri, einen alten Kumpel ihres Vaters, und mehrere Verwandte mit ihrer Begeisterung anzustecken.

Trotz der neuen Investoren wurde Shaunak Roy klar, dass eine schöne Idee eine Sache ist, aber die Umsetzung in die Praxis eine andere.

Da es unmöglich war, Diagnose und Behandlung in einem Gerät zu vereinen, entschied man sich, nur die Diagnosefunktionen zu lassen. Man hat beschlossen, das Pflaster durch ein tragbares Gerät zu ersetzen, das wie ein Blutzuckermessgerät für Diabetes funktioniert, aber viel mehr Substanzen erkennt.

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Nur ein Blutstropfen soll (für alles) ausreichend sein

Ein Blutstropfen nach einem Fingerstich wurde auf eine kreditkartengroße Patrone gepresst und in ein spezielles Lesegerät gegeben, das das Ergebnis lieferte. Über die Antenne am Lesegerät könnte dieses Ergebnis direkt an den Arzt gesendet werden, der die Behandlung rechtzeitig anpassen kann.

Im Jahr 2004 beauftragte Elizabeth pharmazeutische Unternehmen mit der Durchführung von Tests und klinischen Studien. Auch das spielte ihr in die Hände und brachte über sechs Jahre 92 Millionen Dollar ein.

Sie knüpfte nützliche Kontakte und setzte ihre Gönner in den Vorstand, ebenso wie George Shultz, der ehemalige Außenminister, auch Henry Kissinger, die ihre Verbindungen und ihren Einfluss nutzten, um ein vielversprechendes Startup zu unterstützen.

Holmes setzte George Shultz und Henry Kissinger in den Vorstand, die ihre Verbindungen und ihren Einfluss nutzten, um ein vielversprechendes Startup zu unterstützen.

Theranos bezog neue Räumlichkeiten und baute seine Belegschaft schrittweise aus (2014 waren es 800 Mitarbeiter). Sie stellte Ingenieure, Chemiker, Designer, Werber und Vermarkter ein. Später kamen Sicherheit und erfahrene Anwälte hinzu.

Elizabeth Holmes' Fotos zierten bereits die Titelseiten der New York Times, Fortune, Forbes und vieler anderer Magazine. Im Jahr 2014 wurde sie zu einer der 100 einflussreichsten Frauen der Welt ernannt.

Elizabeth Holmes at the Fortune's "Most Powerful Women Summit"

Elizabeth Holmes at the Fortune's "Most Powerful Women Summit". Links von ihr - Penny Pritzker, die US-Handelsministerin. Rechts von ihr - Billie Jean King, ehemalige berühmte US-Amerikanische Tennisspielerin. Quelle: flickr / U.S. Department of Commerce / CC BY 2.0

Die Fassade bröckelt

Mehrere Kliniken und andere medizinische Einrichtungen unterzeichneten 2015 langfristige Verträge mit Holmes, um Geräte und Technologie von Theranos zu nutzen. Im Jahr 2016 endete das Märchen jedoch abrupt. Der Autor John Carreyou spielte dabei eine große Rolle, indem er den Teil der Geschichte, der hinter den Kulissen stattfand, ans Licht brachte und im Wall Street Journal veröffentlichte.

Er wurde von einigen Personen kontaktiert, die den wissenschaftlichen Wert der Theranos-Forschung für weit überschätzt hielten, und als er begann, ehemalige Mitarbeiter und Mediziner zu befragen, die mit Theranos-Analysen zu tun gehabt hatten, kam eine unschöne Wahrheit ans Licht.

Carreyrou hatte bereits Erfahrung mit der Untersuchung von medizinischen Betrügereien, und er kannte sein Geschäft gut. Aber auch er hatte keine Ahnung, auf welche Art von Widerstand er stoßen würde. Die Anwälte von Theranos versuchten, ihn unter Druck zu setzen und drohten ihm mit Klagen und dem Ruin.

Holmes hat versuch Rupert Murdoch, der inzwischen auch ihr Investor geworden war, zu überreden, auf den widerspenstigen Journalisten einzuwirken und ihm zu verbieten, Artikel über ihr Unternehmen zu veröffentlichen (Murdoch war der Hauptaktionär des Wall Street Journal). Aber der Magnat weigerte sich, sich in die Redaktion einzumischen.

Die Zeugen, zu denen auch entlassene und gekündigte Theranos-Mitarbeiter gehörten, wurden von den Anwälten und Balwani, der persönlich mit Drohungen und Versprechungen, ihre Karrieren zu beenden, zu ihnen kam, so sehr eingeschüchtert, dass Carreyrou begann, an seinem Erfolg zu zweifeln. Aber er veröffentlichte weiterhin einen Artikel nach dem anderen, was trotz Elizabeths mächtigen Gönnern schließlich eine Reaktion auslöste.

In einem der Theranos-Labore gab es eine unerwartete Razzia im Rahmen eines Audits. Sie stellte grobe Verstöße fest und untersagte dem Unternehmen die Durchführung von Bluttests für zwei Jahre, bis alle im Labor festgestellten Verstöße behoben wären.

Elizabeth sagte Reportern, sie sei schockiert und am Boden zerstört und versprach, sofort alle Unregelmäßigkeiten zu beheben und ein modernes, hochmodernes Labor zu bauen. Sie feuerte Balwani und machte ihn damit zum Hauptschuldigen für alle Unregelmäßigkeiten, aber das bewahrte sie nicht vor einer Klage.
 

Blaulicht. Quelle: Milan Wulf von Pixabay

Investoren getäuscht

Zwei Unternehmen beendeten ihre Zusammenarbeit mit Theranos. Dann kamen die Vorwürfe, die Investoren getäuscht zu haben - insbesondere versicherte Elizabeth Holmes, dass ihre Technologie in der US-Armee eingesetzt wurde, obwohl das nicht stimmte.

James Mattis, ein Mann des Militärs und des Staates, seit 2017 der US-Verteidigungsminister, den Elizabeth zu bezaubern wusste, bestand wirklich auf der Verwendung dieser Technologie, aber es gab nichts zu verwenden - in zehn Jahren hat Theranos es nicht geschafft, ein einziges funktionierendes Gerät herzustellen, und Halbfertigprodukte waren nicht für die Verwendung geeignet.

Von 800 Mitarbeitern waren noch etwa 20 übrig geblieben.

Anklage wegen Betrugs

Elizabeth Holmes und Ramesh Balwani wurden wegen Betrugs an Investoren, Ärzten und Patienten angeklagt. Gefälschte Ergebnisse und Betrug wurden an allen Ecken und Enden gefunden. Die Geräte funktionierten nicht, die Analysen wurden in einem externen Labor durchgeführt, und die Ergebnisse waren allzu oft fehlerhaft im Vergleich zu den Schlussfolgerungen anderer Labore.

Da Theranos nicht in der Lage war, eigene Teile zu bauen, verwendete sie Siemens-Technologie, ohne Siemens darüber zu informieren. Mitarbeiter, die versuchten, auf Elizabeths Fehler hinzuweisen oder die gefälschten Ergebnisse zu beanstanden, wurden rücksichtslos entlassen.

Die Anwälte des Unternehmens, darunter David Boyes, einer der besten Anwälte der Welt, entwarfen Verträge, die jeden, der versuchte, die schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit zu waschen, einem verheerenden Rechtsstreit aussetzen würden.

Mitarbeiter wurden auch entlassen, wenn sie nicht absolute Loyalität gegenüber dem Unternehmen im Allgemeinen und gegenüber Elizabeth im Besonderen zeigten. Aber viele von ihnen warteten nicht auf die Entlassung und gingen auf eigene Faust. Der Sicherheitsdienst überwachte die Mitarbeiter ständig, las ihre E-Mails, überwachte ihre Kontakte - unter dem Vorwand, sie könnten die Technologie an die Konkurrenz verkaufen.

Ramesh Balwani, der CEO von Theranos, behandelte die Leute wie Sklaven. Einer von ihnen, der während seiner Arbeit für Theranos depressiv wurde, beging Selbstmord und seine Witwe wurde später eine wichtige Zeugin für die Staatsanwaltschaft.

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Betrug

Betrug. Quelle: Mi-Ka from Pixabay

Bewusste Täuschung und Fälschungen

Tatsächlich wurde die Geheimhaltung nicht so sehr angewandt, um die Konkurrenz zu bekämpfen, sondern wegen der Gefahr der Aufdeckung. Wenn ein Fremder ein funktionierendes Gerät sehen wollte, wurde ihm entweder eine Fälschung gezeigt oder gesagt, dass alle Entwicklungen Betriebsgeheimnisse seien.

Elizabeth warnte Investoren im Voraus, dass sie keine sofortige Rendite erhalten würden, und sie stimmten zu. Sie gab ihnen gefälschte Finanzberichte mit aufgeblähten Jahresgewinnen, und sie glaubten ihr. Aber trotzdem kam die Wahrheit ans Licht.

Die Ermittlungen dauern noch an, aber inzwischen wurde Elizabeth für zehn Jahre von allen Führungspositionen ausgeschlossen, sie wurde zu einer Geldstrafe von 500.000 Dollar verurteilt und ihre Investoren bekamen ihre Investition in Form von Vorzugsaktien zurück (ob sie jemals in der Lage sein werden, damit das zurückzuholen, was sie verloren haben, ist noch unbekannt).

Das Magazin Fortune, das Elizabeth einst lobte, nannte sie eine der enttäuschendsten Führungskräfte der Welt. Wenn alle Anklagepunkte bewiesen werden, drohen ihr und Ramesh Balwani 20 Jahre Gefängnis.

Und obwohl die Geschichte von Theranos und Elizabeth Holmes noch nicht zu Ende ist, können Unternehmer, Führungskräfte, Investoren und alle, die sich leicht von charismatischen Persönlichkeiten und inspirierenden Reden beeinflussen lassen, ein paar wichtige Lektionen daraus lernen. Als Startups gilt es diese Fehler zu vermeiden.

 

10 Lehren aus dem Fall Theranos. Quelle: Gerd Altmann Pixabay

10 Lehren aus dem Fall Theranos

Unternehmer, Führungskräfte, Investoren und alle, die sich leicht von charismatischen Persönlichkeiten und inspirierenden Reden beeinflussen lassen, können ein paar wichtige Lektionen daraus lernen. Als Startups gilt es diese Fehler zu vermeiden.

 

Lektion 1: Setzen Sie die Idee zunächst in mindestens einem Prototyp um, bevor Sie das Kapital für die Umsetzung suchen

Die Geschichte von Elizabeth Holmes ist unter anderem deshalb überraschend, weil es nach so vielen Jahren weder ihr noch ihren Helfern gelungen ist, ein Gerät zu bauen, das richtig funktioniert hätte. Zunächst verteidigte sie dessen geringe Größe und weigerte sich, eine neue, leicht vergrößerte Version des Blutbehälters auch nur in Erwägung zu ziehen. Sie hatte ihren Anspruch auf Portabilität abgesteckt und war nicht bereit, davon auch ein bisschen abzuweichen.

Für eine vollständige biochemische Analyse konnte eine so kleine Blutmenge indes nicht verwendet werden - schließlich wurden auch deshalb Spritzen und ein paar Milliliter Blut aus einer Vene verwendet.

Außerdem fehlte es Elisabeth an Wissen und Bildung. Die Medizin ist keine Branche, in der man zu Hause in einer Garage forschen kann, wie es der junge Jobs und seine Kumpels taten. Inspiriert von ihrer Idee, verließ Elizabeth das College nach ihrem ersten Studienjahr, weil sie dachte, sie wüsste genug, um die Idee in die Tat umzusetzen. Es war ein Fehler - sie konnte die vielen Fallstricke nicht sehen, hat die Komplexität des technischen Konstruktion nicht berücksichtigt und war nicht bereit, auf diejenigen zu hören, die kompetenter waren als sie.

Nichts hinderte sie daran, sich weiterzubilden, gleichzeitig mit Gleichgesinnten an einem funktionierenden Gerät zu arbeiten, es zu korrigieren und zu ergänzen, bis ihr Traum in Erfüllung ging oder stattdessen eine andere funktionierende Variante, wenn auch anders als die erdachte, erschien.

Es ist möglich, dass sie nicht in der Lage wären, die Technologie zu verwirklichen, und sie würden zu dem Schluss kommen, dass sie prinzipiell unmöglich ist. Man lernt aus Fehlern - Elizabeth hätte etwas anderes erfinden und umsetzen können, was ihre Erfahrungen bereichert und sie weitergebildet hätte. Zumindest hätte dieser Fehler nicht so viele Menschen leiden lassen und sie hätte nicht ihren Ruf verloren.

Prototyp

Prototyp. Quelle: ThisIsEngineering von Pexels

Lektion 2: Ungeschicktes Management kann die beste Idee ruinieren

Elizabeth Holmes war zu jung, als man anfing, in sie zu investieren. Sie verstand es, mit Begeisterung anzustecken, glaubte leidenschaftlich und aufrichtig an den Erfolg ihres Unternehmens. Diese Überzeugung und die Fähigkeit, ihre Idee effektiv an die richtigen Leute zu vermitteln, kamen ihr zugute. Erfolgreiche Verhandlungen mit Investoren waren jedoch nur die halbe Miete.

Sie beschäftigte eine Menge Leute und hatte sehr vage Vorstellungen, wie sie diese führen sollte. Sie versuchte, eine Unternehmenskultur zu schaffen, in der Loyalität gegenüber der Idee an erster Stelle stand. Von den Mitarbeitern wurde verlangt, bis spät in die Nacht aufzubleiben, um ihre Hingabe zur Arbeit zu demonstrieren (dies wurde von Ramesh Balwani persönlich überwacht, indem er abends um halb zehn durch das Gelände ging und beobachtete, wer am Arbeitsplatz blieb).

Elizabeth hängte Motivationsposter an die Wände, ermutigte die Leute, an den Erfolg ihrer gemeinsamen Sache zu glauben, und hielt regelmäßig Meetings ab, in denen sie die Begeisterung der Mitarbeiter anheizte. Viele junge Silicon-Valley-Firmen, darunter auch Facebook, praktizierten diesen Ansatz. Aber ihr Umfang war etwas anders. Die Biologen und Chemiker, die bei Theranos angestellt waren, verstanden das nicht, obwohl sie Elizabeth zunächst bewunderten.

Viele waren der Meinung, dass das Drillen auf den Teamgeist den Mitarbeitern zu viel Zeit raubte, die sie sinnvoller hätten nutzen können - zum Beispiel für mehr Labortests.

Außerdem würde Elizabeth jede Kritik oder bloße Andeutung, die ihr nicht gefiel, im Keim ersticken. In den Anfangstagen von Theranos versuchten mehrere Leute, ihr Ratschläge zum Thema Management zu geben, indem sie ihr vorschlugen, nützliche Bücher zu diesem Thema zu lesen, was sie wütend machte. Sie hielt sich für unfehlbar, und sie degradierte oder feuerte jeden, der das nicht verstand.

In den Anfangsjahren von Theranos war der CFO Henry Mosley, der seit den 1970er Jahren im Silicon Valley gearbeitet hatte. Er war beeindruckt von den Menschen um Elizabeth, den Investoren, die an sie und ihren Enthusiasmus glaubten. Wenn die Firma erfolgreich war, würde die Pharmaindustrie ihre Dienste in Anspruch nehmen, was große Gewinne bringen sollte, und Mosley sah das Geschäft als vielversprechend an.

Er erstellte Finanzprognosen für Elizabeth, die sie den Investoren vorlegte. Elizabeth war der Meinung, dass die Projektionszahlen zu niedrig waren und die Investoren nicht beeindrucken würden. Sie bat ihn, sie etwas aufzublasen, was Mosley auch tat. Er hat nicht ganz verstanden, wie die Technologie funktioniert. Eines Tages, nach Gesprächen zwischen Elizabeth und ihrem Team und Vertretern von Novartis, einem der größten Pharmaunternehmen weltweit, bemerkte Mosley, dass Shaunak Roy deprimiert aussah.

Unter Mosleys Druck gab Roy zu, dass die von der Theranos-Technologie produzierten Bluttestergebnisse fast nie korrekt waren

Vertretern von Novartis und anderen Investoren wurde gezeigt, wie das Gerät Blut ansaugt, während es durch winzige Kanäle in das Gerät eintritt. Aber das Ergebnis wurde voraufgezeichnet.

Bei einem weiteren geplanten Treffen mit Elizabeth Mosley fragte ich sie, wie das Treffen mit Novartis gelaufen sei. Sie antwortete, dass es ein kleines Problem gäbe, das aber leicht zu beheben sei. Mosley informierte sie daraufhin, dass er von dem gefälschten Ergebnis wusste und sagte ihr, dass sie die Vorführung des Geräts einstellen sollten, bis ein echtes Qualitätsergebnis vorliege.

Elizabeths Höflichkeit wurde im gleichen Moment durch Kälte ersetzt und sie entließ ihn sofort. Die Mitarbeiter wussten nicht, wohin Mosley gegangen war, und so gab es Gerüchte, dass er Unterschlagungen begangen hatte und untergetaucht war. Sie tat dasselbe mit anderen, die es wagten, sich ihr in den Weg zu stellen.

Idee hinterfragen. Quelle: Luca Nardone von Pexels

Idee hinterfragen

Holms' Vertrauen in die eigene Unfehlbarkeit, in die Genialität ihrer Ideen, das durch nichts bestätigt wurde, außer durch millionenschwere Vorschüsse, hat sie schließlich aus der realen Welt geworfen.

 

Lektion 3: Es ist immer gut, die eigene Idee zu hinterfragen, auch wenn sie perfekt erscheint

Elizabeths manisches Vertrauen in ihre Erfindung zog viele Menschen auf ihre Seite. Ja, sie war ein attraktives, intelligentes, charmantes Mädchen, das sogar von wesentlich älteren Männern geliebt und bewundert wurde. Aber wenn sie nicht so sicher wäre, dass ihr nicht existierendes Gerät der Beginn einer neuen Ära in der Medizin sein würde, hätte man nicht so viel Geld in ihre Idee investiert.

"Der Haken war, dass das Gerät nicht funktionierte. Zu kleine Tropfen ergaben keine genauen Ergebnisse, und die notwendige Menge Blut bedeutete eine Vergrößerung des Behälters, wovon sie nichts hören wollte. Wenn ihr die Fakten nicht gefielen, schloss sie einfach die Augen davor."

Der Elektronikingenieur Edmond Ku hatte noch nie an medizinischen Geräten gearbeitet, aber er war von Elizabeths Idee begeistert und erklärte sich bereit, für sie zu arbeiten. Ihm wurde ein Konzept gezeigt und er bot an, es in ein funktionierendes Gerät zu verwandeln. Er stellte ein ganzes Team zusammen und arbeitete so hart, wie er konnte, aber es gab keine Möglichkeit, die ursprüngliche Idee zu verwirklichen. Als er Elizabeth Änderungen daran vorschlug, lehnte sie diese rundheraus ab. Sie wollte auch keine größeren Mengen Blut verwenden.

Stattdessen schlug sie vor, dass Edmond und sein Team sieben Tage in der Woche ohne einen freien Tag arbeiten und von ihr selbst ein Beispiel nehmen sollten. Er lehnte mit der Begründung ab, dass sein Team bei einem solchen Zeitplan bei der Arbeit ausbrennen würde. Elizabeth wischte diese Bemerkung beiseite und sagte, es sei ihr egal - sie würde neue, qualifiziertere Leute einstellen. Sie verfolgte hartnäckig ihre Linie. Bald stellte sie eine neue Gruppe ein und kurze Zeit später waren Edmond und sein gesamtes Team zur Tür hinaus.

Ihr ehemaliger Dekan Channing Robertson, der in den Vorstand eingetreten war, hatte sie in einem Interview als einen zukünftigen Steve Jobs im Rock beschrieben, und sie bemühte sich mit aller Kraft, diesem Bild zu entsprechen, ohne viel darüber nachzudenken, ob es stimmte. Ihr Vertrauen in die eigene Unfehlbarkeit, in die Genialität ihrer Ideen, das durch nichts bestätigt wurde, außer durch millionenschwere Vorschüsse, hat sie schließlich aus der realen Welt geworfen.

Lektion 4: Der Chef sollte bei der Auswahl des inneren Kreises vorsichtig sein

Diese Wahrheit scheint offensichtlich zu sein, aber Elisabeth hat sie vernachlässigt. Ihr Geschäftspartner, zu dem sie auch eine persönliche Beziehung hatte, Ramesh Balwani, hatte keine Sympathien bei irgendjemanden bei Theranos hervorgerufen, außer für ein paar indische Landsleute, die er kannte und die er selbst eingestellt hatte.

Ramesh war Elizabeths Geliebter, aber das wurde vor dem Personal sorgfältig verborgen. Aber da es fast unmöglich war, solche Dinge zu verbergen, kannte jeder die wahre Natur ihrer Beziehung und die Tatsache, dass sie unter demselben Dach lebten. Lügende Führungskräfte bekommen keinen Respekt, eine kleine Lüge führt zu viel Misstrauen.

Balwani war ein reicher Mann. Er verdiente sein Kapital in der Dotcom-Ära durch den erfolgreichen Verkauf eines Unternehmens, in das er nur sehr wenig investiert hatte. Von Medizin und Chemie verstand er nichts, aber er hatte eine sehr hohe Meinung von sich selbst und mischte sich bei jedem Schritt in die Arbeit der Fachleute ein. Alle Berichte des Sicherheitsdienstes, der die Korrespondenz der Mitarbeiter überwachte, lagen auf seinem Schreibtisch.

Er schüchterte ein, beleidigte und demütigte Menschen und verlangte, wie ein Herr behandelt zu werden. Ein paar indische Chemiker hatten seine Unwissenheit durchschaut und benutzten, ihn auslachend, Begriffe, die sie erfanden, um die Arbeit zu beschreiben, die sie taten. Bei den Mitgliederversammlungen wiederholte Balwani diese Begriffe - er mochte wissenschaftliche Begriffe zu wiederholen, ohne viel über ihre Bedeutung zu wissen bzw. nachzudenken.

Diejenigen, die ihre Beziehung beobachteten, hatten oft den Eindruck, dass Elizabeth völlig unter dem Einfluss des älteren Mannes stand und sich nicht bewusst war, wie schlecht er auf die Menschen wirkte. Erst gegen Ende, als die Firma ihren erwarteten Niedergang erlebte und Elizabeth ihn feuerte, wurde deutlich, dass sie das Sagen in diesem Paar hatte, sie hatte immer das letzte Wort.

Ihre Aufgabe war es, zu locken und zu bezaubern, und wenn man auf Theranos hereinfiel. Falls man einen Mangel an Hingabe zeigte, kam Balwani mit seiner Einschüchterung und Grobheit ins Spiel. All dies trug nicht dazu bei, Autorität aufzubauen und die wahre Führungspersönlichkeit zu schaffen, als die sich Elizabeth Holmes selbst sah.

Sowohl Ramesh als auch Elizabeth glaubten an ihre Sache, aber sie lebten beide in Illusionen und steckten sich gegenseitig damit an.

"Sie sahen keinen Unterschied zwischen einem funktionierenden Prototyp und einem perfektionierten Gerät, und sobald ihre Idee ein wenig in den nächsten Prototyp verwandelt war, versuchten sie, ihn zu verkaufen."

Das wäre so gewesen, als würde man ein gerade gebautes Flugzeug verkaufen, ohne einen einzigen Test durchgeführt zu haben. Ihre Beeinflussung war gegenseitig, und sie führte für keinen von ihnen zu etwas Gutem.

Lektion 5: Teilen und Erobern ist manchmal gut in der Politik, aber nicht anwendbar in einem Startup, wo man ein zusammenhängendes Team von Gleichgesinnten braucht

Elizabeth und Ramesh Balwani hatten so viel Angst vor einer Revolte, dass sie alles daran setzten, ihre verschiedenen Teams auseinander zu halten. In einer Organisation, die wissenschaftliche Forschung betreibt, könnte diese Art von Produktionsprozess zu nichts Gutem führen.

Die eine Gruppe wusste nicht, woran die andere Gruppe arbeitete, alles war geheimnisvoll und geheim. Dies führte zu Verwirrung, Unausgeglichenheit und Missverständnissen. Und das war noch nicht das Schlimmste.

 

Ein starkes Team. Quelle: Pexels from Pixabay

Ein Startup muss ein starkes Team sein

In einem Startup, brauht man ein zusammenhängendes Team von Gleichgesinnten. Bei Theranos wusste die eine Gruppe häufig nicht, woran die andere Gruppe arbeitete

 

Ein seltsamer, auf Geheimhaltung basierender Dissoziationskult führte zum Selbstmord eines Mannes. Dieser Mann war Ian Gibbons, ein Laborwissenschaftler, der auf Empfehlung von Channing Robertson, dem Dekan von Elizabeth Holmes, zu Theranos gekommen war. Gibbons war Engländer, der schon lange an Universitäten in Amerika arbeitete.

Er hatte auch viele Erfindungen patentiert. Mehrere Patente führten Elizabeth Holmes als Haupterfinderin auf, obwohl ihr Beitrag minimal war. Aber die Patente wurden im Namen von Theranos eingereicht.

Ian war spezialisiert und wusste alles über Bluttests. Er stellte sicher, dass die Reinheit in dem neuen Prototyp-Gerät, genannt MiniLab, wirklich Laborqualität hatte, und die Ingenieure konnten diese Reinheit nicht erreichen, zumindest nicht auf Dauer. Es hätte mehr Blut benötigt, wodurch das Gerät größer geworden wäre.

Elizabeth weigerte sich hartnäckig, das Pferd von hinten aufzuzäumen - für sie stand die kleine Größe des Geräts im Vordergrund. Die Ingenieure empfanden Ians strenge Vorgaben als Nörgelei und merkten nicht, dass das Leben der Patienten davon abhing. Sie hatten keine Zeit, eng zusammenzuarbeiten, aber dennoch wurde ein gewisser Kontakt hergestellt.

Eines Tages beschwerte sich Ian bei Robertson, dass er auf Schritt und Tritt Lügen begegnete. Robertson gab dieses Gespräch an Elizabeth weiter, und Ian wurde degradiert. Er nahm es schmerzlich auf, und wegen der erhöhten Geheimhaltung gab es niemanden, mit dem er reden konnte.

Er verlor sein persönliches Büro, es war, als ob er nicht mehr wahrgenommen wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatten auch die Ingenieure, die das erste MiniLab-Gerät entwickelt hatten, Elizabeths Gunst verloren, neue Leute waren eingestellt worden, um sie zu ersetzen, und die Entlassung der alten war nur eine Frage der Zeit.

Ian versank immer tiefer in Depressionen, und Theranos verklagte zur gleichen Zeit einen weiteren Feind, der bemerkte, dass auf Patenten, die den Namen von Ian Gibbons trugen, Holmes stand. Die Anwälte beschlossen, die Patente überprüfen zu lassen und Ian vorzuladen. Da Elizabeths Beitrag minimal war und dies hätte entdeckt werden können, hätte ein solcher Prozess Ians Ruf als Wissenschaftler zerstört. Außerdem konnte er überhaupt nicht aussagen, weil er eine Verpflichtung unterschrieben hatte, dass er nicht aussagen durfte. Er wartete nicht auf den Prozess und beging Selbstmord.

Blut an den Händen

Blut an den Händen. Quelle: NEOSiAM 2020 von Pexels

Eine geschockte Witwe teilte Elizabeth den Tod ihres Mannes mit. Sie erwartete, dass die Firma an einer Trauerfeier teilnehmen würde, dass Ian von den Kollegen verabschiedet würde. Nichts dergleichen geschah.

Der Ingenieur Tony Nugent, der Schöpfer von MiniLab, der immer mit Ian über die Reinheit der Analyse stritt, schickte auf eigene Initiative Briefe an 20 Mitarbeiter, die Ian irgendwie kannten, mit der Nachricht von seinem Tod, die sein Foto und einen kurzen Rundbrief mit wissenschaftlichen Informationen enthielten. Ian war schnell vergessen - Elizabeth war zu dieser Zeit damit beschäftigt, das Bild ihres Gerätes und sich selbst zu gestalten.

Lektion 6: Es ist besser, einen Fehler zuzugeben, als zur Täuschung zu greifen

Im Jahr 2013 weigerte sich MiniLab noch richtig zu arbeiten, es hatte viele Probleme. Der Hauptgrund für diese Probleme lag in der gewollten Uneinigkeit des Teams und dem geringen Teamgeist. Jeder, der Zweifel oder Bedenken äußerte, wurde sofort zum persönlichen Feind von Elizabeth und Ramesh, was Diskussionen extrem schwierig machte. Die Widerspenstigen wurden verbannt, die Kriecher wurden angesprochen und umschmeichelt, obwohl ihr Beitrag zur gemeinsamen Sache praktisch gleich Null war.

Fehler

Fehler. Quelle: George Becker von Pexels

Nach Elizabeths Idee soll das MiniLab nicht nur klein und schön sein, sondern auch vier Hauptanalysen durchführen: Blutwerte, allgemeine Chemie, Hämatologie und DNA-Analyse. Zunächst versuchte man dies mit Pipetten zu erreichen, in die man Blutstropfen aus durchstochenen Fingern drückte. Mit der Zeit verformt sich die Pipette jedoch und muss kalibriert werden.

Außerdem bearbeitete das MiniLab nur eine Analyse zur gleichen Zeit, sein Durchsatz war gering. Das Gerät war für den Einsatz in Gesundheitszentren vorgesehen, und sein langsamer Betrieb hätte zu langen Warteschlangen führen können. Es gab weitere Probleme: Zentrifugen explodierten in den Geräten, Pipetten gingen kaputt und so weiter.

Das Gerät war weit davon entfernt, perfekt zu sein und brauchte mindestens mehrere Jahre, um es zu verfeinern, aber Elizabeth konnte nicht warten. Im Jahr 2012 unterzeichnete sie einen Vertrag mit der Apothekenkette Walgreens, um ab 2013 mit Theranos-Geräten direkt in den Filialen der Walgreens-Apothekenkette Bluttests durchführen zu können. Das MiniLab war der Aufgabe eindeutig nicht gewachsen, also entschied man sich, auf eine alte Entwicklung namens Edison zurückzugreifen. Aber Edison konnte nur eine Blutanalyse durchführen: auf Blutwerte.

Ein gefährlicher Betrug mit dem Siemens-Gerät

Und dann wurde beschlossen, das Gerät mit einem Siemens-Analysator zu kombinieren - einem ADVIA-Gerät. Es war ziemlich sperrig, aber es führt alle geforderten Tests durch. Von der Theranos-Technologie blieben nur Edison und ein Miniatur-Blutbehälter, ein sogenannter Nanotainer, übrig.

Bluttest

Bluttest. Quelle: Shameer Pk from Pixabay

Ein Problem: Das Blut wurde bei der Entnahme zur Analyse zweimal verdünnt. Das eine Mal wurde es von Edison gemacht, das andere Mal von einer gehackten Siemens-Maschine. Um das Ergebnis zu kennen, musste man dies berücksichtigen, aber ein solches Ergebnis war sehr vage und ungenau.

Aber das hielt Elizabeth nicht auf. Trotz der Einwände einer der Chemikerinnen, Anjali Lagari, die Elisabeth zu erklären versuchte, dass sie mit ihren unfertigen Geräten alle, die zur Blutspende in die Apotheken kamen, zu Versuchskaninchen machten, wurde beschlossen, das komplizierte halbfertige Produkt in die Tat umzusetzen. Anjali kündigte, gefolgt von mehreren anderen Wissenschaftlern, die sich nicht an der Täuschung beteiligen wollten.

 

Versuchskaninchen. Quelle: flickr / STS Schweizer Tierschutz / CC BY 2.0

Versuchskaninchen

Mit ihren unfertigen Geräten machte Theranos alle, die zur Blutspende in die Apotheken kamen, zu Versuchskaninchen. Trotzdem wurde beschlossen, das komplizierte halbfertige Produkt in die Tat umgesetzt wird

 

Diese Abgänge erschütterten nicht Elisabeths Entschlossenheit, zur Täuschung zu greifen. Sie versammelte ihre Mitarbeiter und teilte ihnen mit, dass sie keine Firma aufbaue, sondern eine Religion, und wenn sich jemand nicht an diese Religion halte, solle er sofort gehen.

Die Geräte wurden in Gang gesetzt, Patienten wurden fernab der Wahrheit getestet, und dies sollte später die Grundlage für einen der schwerwiegenden Vorwürfe von Theranos vor Gericht bilden.

Lektion 7: Wenn ein Unternehmen der Sicherheit viel Aufmerksamkeit schenkt und dennoch eine ständige Personalfluktuation zu verzeichnen ist, sollte dies alarmierend sein

Das ist genau das, was mit Theranos passiert ist. Elizabeth und Ramesh machten die Atmosphäre der Heimlichkeit zu ihrem Nährboden. Wenn sie eine Präsentation vor Investoren machten, zuckten sie nicht mit der Wimper und zeigten ihnen hübsche Poster, unfertige, aber atemberaubende Geräte, die nur minimale Funktionen beherrschten.

Alle Bitten, das Labor zu zeigen, in dem sie an dem Miniaturanalysator gearbeitet wird, wurden abgelehnt. Schließlich handelt es sich um ein Geschäftsgeheimnis und sie können nicht sicher sein, dass die Gäste es nicht verraten, auch nicht unfreiwillig. Sehr überraschend ist die Tatsache, dass alle Investoren zehn Jahre lang sich damit abgefunden haben.

Bis 2013 hatten sich so viele Prominente mit tadellosem Ruf im Vorstand oder Aufsichtsrat versammelt, dass es für sich selbst sprach. Neben James Mattis, Kissinger und Schultz waren auch der ehemalige Verteidigungsminister Jim Perry, der ehemalige Vorsitzende des Rüstungsausschusses des Senats Sam Nunn und Navy Admiral Gary Rhodes anwesend.

Der bereits erwähnte David Boyes, einer der Top-Anwälte, war ebenfalls im Vorstand vertreten. Könnte etwas schief gelaufen sein? Viele der Vorstandsmitglieder waren alte Bekannte und Klassenkameraden aus der Militärakademie. Es kam nie jemand auf die Idee, an Elizabeth zu zweifeln. Schade.

Im Jahr 2013 beschlossen zwei neue Investoren, die Hedgefondsmanager Christopher James und Brian Grossman, in Theranos zu investieren. Sie erreichten das riesige Hauptquartier und bemerkten sofort, wie gut es bewacht wurde. Außerhalb des Büros und zu Hause wurde Elisabeth selbst überall von Sicherheitsleuten begleitet. Die Türen zu vielen der Zimmer wurden mit speziellen Karten geöffnet, die die Gäste nicht hatten.

Sicherheit Militär

Sicherheit Militär. Quelle: Pexels from Pixabay

Die Sicherheit wurde von James Mattis' Schützling, John Rivera, und seinen Untergebenen, professionellen Militäroffizieren, beaufsichtigt. Elizabeth behauptete, dass ihre Geräte bereits im Pentagon im Einsatz waren.

Die Atmosphäre erhöhter Geheimhaltung führte dazu, dass man ihren Worten Glauben schenkte.

Sie zeigte den neuen Investoren Diagramme und Zahlen, die die Rentabilität von Theranos etwa um das Zehnfache überzeichneten.

 

Pentagon. Image by David Mark from Pixabay

Atmosphäre erhöhter Geheimhaltung

Elizabeth behauptete, dass ihre Geräte bereits im Pentagon im Einsatz waren, und die Atmosphäre erhöhter Geheimhaltung führte dazu, dass man ihren Worten Glauben schenkte.

 

Finanzvorstand Henry Mosley war längst gefeuert worden, und Ramesh hatte die Finanzberichte persönlich gefälscht. Und während er die Finanzzahlen aufblähte, gab Elizabeth neuen Investoren immer fantastischere Informationen über ihr Gerät. Aber mehr wurde nicht gesagt, der Rest war "streng geheim".

Beeindruckt investierten James und Grossman ihr Geld und es folgten noch ein paar weitere wohlhabende Leute - und 2014 erreichte der Wert des Unternehmens 9 Milliarden Dollar.

Die Atmosphäre von Geheimhaltung und erhöhter Sicherheit war für neue Mitarbeiter beeindruckend, aber sie merkten schnell, anders als die Investoren, dass die Dinge nicht sauber waren. Ständig wurde gekündigt, und nur strenge Verschwiegenheitspflichten über alles, was innerhalb der Firmenmauern geschah, ließen sie den Mund halten. Vorläufig.

Lektion 8: Ruhm hat eine gefährliche Seite

Trotz zahlreicher Skandale und Entlassungen innerhalb des Unternehmens ist die Glaubwürdigkeit von Theranos in der Außenwelt nur gewachsen. Trotzdem geriet Elisabeth eher zufällig ins Rampenlicht der großen Magazine. Jemand erzählte Roger Parloff, einem Rechtskorrespondenten des Magazins Fortune, von Theranos und seiner jungen Gründerin.

Parloff wurde interessiert und flog nach Palo Alto, um ein persönliches Gespräch mit Elizabeth zu führen. Er führte im Laufe der Woche mehrere Interviews mit ihr. Sie machte einen tiefen Eindruck auf ihn. Sie versuchte, mit tiefer, fast männlicher Stimme zu sprechen - Elizabeth wollte nicht als gewöhnliche junge Frau wahrgenommen werden, denn sie sah sich selbst mindestens als eine neue Marie Curie.

Sie erzählte Parloff, dass ihr Unternehmen 9 Milliarden Dollar eingenommen hatte, zeigte ihm das Minilabor, verbot ihm aber, es zu fotografieren, und berief sich dabei auf die gleichen Geschäftsgeheimnisse wie immer. Stattdessen überschüttete sie ihn mit fantastischen Informationen über die Fähigkeiten ihres mysteriösen Analysators. Die Vorstandsmitglieder, an die Parloff appellierte, bestätigten Elizabeths absolute Ehrlichkeit und ihre hohe moralische Autorität.

Und schon bald veröffentlichte Fortune einen lobenden Artikel mit einem Porträt von Elizabeth auf der Titelseite - in einem schwarzen Rollkragenpullover, mit Mascara über den Augen und rotem Lippenstift auf den Lippen und der Schlagzeile: "This CEO is out for blood". Andere Zeitschriften griffen das Thema auf, und bald sonnte sich Elizabeth in dem Glanz. Sie wurde zu Konferenzen eingeladen, mit wissenschaftlichen Preisen ausgezeichnet, erhielt einen Ehrentitel nach dem anderen. Das Time Magazine listete sie als eine der einflussreichsten Frauen der Welt.

Auf Konferenzen erzählte sie bewegende Geschichten über ihren Onkel, der an Krebs gestorben war, weil er nicht rechtzeitig erkannt wurde - hätte es damals den Analysator gegeben, wäre ihr Onkel vielleicht noch am Leben. Die Tatsache, dass sie wenig oder gar keinen Kontakt zu ihrem Onkel hatte, hat Elizabeth natürlich verschwiegen.

Sie holte ihren Nanotainer aus der Jackentasche wie ein Zauberer das Kaninchen aus dem Hut, erzählte von der Angst vor Nadeln, die in allen Menschen wohnt, davon, wie oft unbeholfene Krankenschwestern nicht in eine Vene gelangen können. Sie fühlte sich wie ein Filmstar und sonnte sich in dem Ruhm.

Das dauerte so lange, bis 2014 ein Artikel über Theranos und Elizabeth in "New Yorker" erschien, den endlich auch ein Skeptiker, der mit den Prinzipien von Bluttests vertraut ist, gelesen hat. Diese Person war der Pathologe Adam Clapper. Ihm fiel sofort auf, dass die Lobeshymnen über das neue Gerät und seine Funktionsweise durch keinerlei wissenschaftliche Daten gestützt wurden.

Es gab einen Verweis auf Elizabeths wissenschaftliche Arbeit, an der sie als Co-Autorin beteiligt war, aber diese Arbeit wurde in einem italienischen wissenschaftlichen Magazin veröffentlicht, in dem man für jede Veröffentlichung 500 US-Dollar verlangte. Trotzdem fand Clapper diese Arbeit und las sie. Es stellte sich heraus, dass sie auf einer einzigen Blutprobe basierte, die von sechs Patienten genommen wurde.

Er bloggte darüber auf der Website des New Yorker, wo er seine begründeten Zweifel an der Theranos-Technologie zum Ausdruck brachte und einen handfesten Beweis dafür forderte, dass sie funktioniert. Natürlich hätte die Bemerkung unbemerkt bleiben können, aber sie wurde von Richard Fuisz gesehen, einem langjährigen Feind von Theranos, Elizabeths ehemaligem Nachbarn, den sie verdächtigte, die Technologie stehlen zu wollen, und den sie mit Hilfe ihrer Anwälte und ruinösen Prozessen in den Bankrott getrieben hatte.

Während des Prozesses hatte er Zeit, Elizabeths andere Feinde zu treffen, Ian Gibbons' Witwe und Phyllis Gardner, eine Professorin der Stanford Medical School. Phyllis und ihr Mann arbeiteten eine Zeit lang mit Theranos zusammen und erkannten schnell, dass die Firma Augenwischerei betrieb, dass Elizabeth weder eine angemessene medizinische Ausbildung hatte noch bereit war, auf diejenigen zu hören, die älter und erfahrener waren.

Bald meldete sich auch Alan Beam, der Leiter des Theranos-Labors, bei Fuisz. Als sie sich trafen, erzählte er Fuisz, dass Nadeln nicht die Finger treffen und Blut zur Analyse immer noch mit einer Spritze entnommen wird, dass gehackte Siemens-Geräte verwendet wurden, um ein funktionierendes Gerät zu bauen, dass die Testergebnisse allzu oft fehlerhaft waren und vieles mehr. Alan Beam wurde von Theranos' Anwälten in Panik versetzt und warnte Fuisz deshalb sofort, dass er vor Gericht nicht aussagen würde.

Aber er willigte ein, mit dem skeptischen Clapper zu sprechen, um die journalistische Untersuchung zu übernehmen. Clapper war ein Amateur-Blogger, kein Journalist, aber er hatte einen guten Bekannten beim Wall Street Journal, der sich bereit erklärte, die Untersuchung zu übernehmen. Das war John Carreyrou. Elizabeths Berühmtheit war der Anfang von ihrem Ende.

 

John Carreyrou. Quelle: flickr / kellywritershouse / CC BY 2.0

Der Anfang vom Ende

Clapper war ein Amateur-Blogger, kein Journalist, aber er hatte einen guten Bekannten beim Wall Street Journal, der sich bereit erklärte, die Untersuchung zu übernehmen. Das war John Carreyrou. Elizabeths Berühmtheit war der Anfang von ihrem Ende.

 

Lektion 9: Das Unternehmen kann die Wahrheit nicht ewig verbergen

Carreyrou stimmte zu, den Fall zu übernehmen. Er war nicht sehr interessiert an den Informationen, die er von Gibbons' Witwe und Phyllis Gardner erhielt. Aber als Alan Beam, der inzwischen Theranos verlassen hatte, sich mit ihm traf und ihm von dem System der ausgeklügelten Täuschung von Investoren und potenziellen Verbrauchern erzählte, änderte sich seine Einstellung.

Aufgrund der Geheimhaltungspolitik war Beam gezwungen, E-Mails in seinem persönlichen Postfach zu vernichten - er kopierte seine Korrespondenz mit Elizabeth und Ramesh aus der Firmen-E-Mail. Er erzählte Carreiro auch, dass der Enkel eines der Hauptinvestoren, George Schultz, namens Tyler Schultz, nach einem Zerwürfnis mit Elizabeth aus der Firma ausgestiegen war und sein Großvater ihn nach seiner Entlassung nicht mehr kennen wollte - in dem Maße war er von seinem jungen Schützling verzaubert.

Ein Gespräch mit Tyler bestätigte Carreiros Vermutung, dass Theranos nicht nur ein Unternehmen mit einem unansehnlichen Managementstil war, sondern etwas weitaus Beängstigenderes.

Parallel zur Befragung von geschädigten Mitarbeitern und Kunden von Theranos führte Carreyrou ein Experiment durch, bei dem er sein eigenes Blut an einer in Apotheken installierten Theranos-Maschine spendete. Er wurde in einen separaten Raum geführt. Anstatt das Gerät in seinen Finger zu stechen, nahm eine Krankenschwester mit einer normalen Spritze Blut aus seiner Vene ab. Sie sagte, es bräuchte venöses Blut in seinem Fall. Zu diesem Zeitpunkt hatte Carreyrou bereits Erfahrungsberichte von verärgerten Patienten gesammelt, die in ähnlichen Räumen in Apotheken Blut gespendet hatten.

Die Tests waren überwiegend ungenau, verwirrten Patienten und Ärzte gleichermaßen, verursachten manchmal falschen Alarm, manchmal falschen Optimismus.

Gleichzeitig ließ Carreyrou Tests von anderen Labors durchführen. Alle bis auf die Theranos-Analyse stimmten überein.

Carreiro versuchte, sich mit Elizabeth Holmes zu treffen, aber ihre Vertreter antworteten, sie habe zu wenig Zeit. Er traf sich weiter mit Menschen, die mit Theranos zu tun gehabt hatten, und nachdem sie erfahren hatte, wie viele ehemalige Mitarbeiter und betroffene Patienten bereits redeten, hörten sie auf, Angst zu haben und versorgten Carreyrou mit immer mehr Informationen.

Darüber hinaus wurden E-Mails, von denen Alan Beam dachte, sie seien vernichtet worden, an eine andere Adresse dupliziert und ein Ausdruck Carreyrou zur Verfügung gestellt. Er und der Chefredakteur des Wall Street Journal beschlossen daraufhin, eine Artikelserie zu drucken.

Weder Drohungen, noch Druck, noch Einschüchterung von Zeugen konnten diese Entscheidung ändern.

Plasma. Quelle: Prawny von Pixabay

Lektion 10: Die Wahrheit ist nicht immer angenehm, aber sie ist notwendig

John Carreyrous Artikel wies, wie der Junge im Märchen, darauf hin, dass der König (in diesem Fall die Königin) nackt ist. Allerdings war nicht sie nackt, sondern ihre Investoren.

Zunächst interviewten Zeitschriften, die Elizabeth lobten, Carreyrou, wobei er anhand von Fakten und Beweisen aufzeigte, dass er die reine Wahrheit geschrieben hatte. Einige Investoren stürzten sich auf Elizabeths Verteidigung und glaubten, dass sie im Fernsehen eine Gegendarstellung abgeben würde, dass sie auf einer anderen Konferenz erklären würde, was mit ihrem Gerät los war.

Des Kaisers neue Kleider

Des Kaisers neue Kleider. Von Vilhelm Pedersen (1820 - 1859) - English Wikipedia (http://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/4/47/Emperor_Clothes_01.jpg), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4038625

 

Aber andere waren schon lange von ihren eigenen Zweifeln geplagt. Sie erinnerten sich sowohl an den Schleier der ewigen Geheimhaltung, als auch an die Tatsache, dass im Vorstand keine einzige Person mit Kenntnissen in Medizin und Chemie saß und dass keine einzige Venture-Capital-Firma, die in medizinische Forschung investierte, an Elizabeth Holmes' Technologie interessiert war.

Es gab auch diejenigen, die verwirrt waren und nicht wussten, was sie glauben sollten.

Die Medical Investigations Agency (FDA) führte eine überraschende Prüfung der Theranos-Labore in Palo Alto und Newark durch. Sie verbot daraufhin die Verwendung jeglicher Geräte des Unternehmens und erklärte sie zu einem nicht zugelassenen Medizinprodukt. Im Anschluss an die FDA begannen die Centers for Medicare und Medicaid ihre eigenen Untersuchungen der Aktivitäten von Elizabeth Holmes und deckten weitere Verstöße auf.

Elizabeth trat im Fernsehen auf, wo sie die üblichen Lügen über ihre Geräte wiederholte und sie mit neuen Details versah. Sie versuchte, ehemalige Mitarbeiter zu diskreditieren, warf Carreira Frauenfeindlichkeit, Neid und Voreingenommenheit vor und nannte das Wall Street Journal ein Boulevardblatt. Doch die Saat des Zweifels war gesät: Nach dem Magazin begannen einflussreiche Bewohner des Silicon Valley und Investoren, Fragen zu stellen.

Elizabeth gab jedoch nicht auf: Sie versuchte, öfter in der Öffentlichkeit aufzutreten und sie zu bezaubern, indem sie ein idealistisches Bild von sich präsentierte.

Schließlich wurde Theranos nach einer Beschwerde eines ehemaligen Mitarbeiters von einer weiteren Inspektion der Medizinbehörde CMS besucht. Die CMS-Mitarbeiter durften nicht hinein, sie mussten vor einer verschlossenen Tür warten und bekamen als Untersuchungsobjekt eine Power-Point-Präsentation angeboten. Als es ihnen gelang, in das Labor zu gelangen, fehlten so viele Unterlagen und es wurden so viele Unregelmäßigkeiten festgestellt, dass sie für weitere Untersuchungen zurückkehren mussten.

Diesmal blieben sie vier Tage lang und befragten Mitarbeiter. Die Inspektion ergab, dass das Unternehmen absichtlich fehlerhafte Tests verwendet und nichts unternommen hatte, um diese zu korrigieren.

Die Edison- und MiniLab-Geräte erkannten so gut wie nichts, was die Ergebnisse verzerrte, und meistens führte das Unternehmen die Tests in einem externen Labor und mit den Geräten eines anderen Unternehmens durch, vor allem, wenn sie jemanden beeindrucken mussten. Carreyrou überredete seine Quellen bei CMS, die Informationen weiterzugeben und veröffentlichte sie in einem weiteren Artikel.

Danach, im Fernsehen, in einem Interview mit Maria Shriver, schob Elizabeth alles auf Ramesh Balwani und feuerte ihn. Sie versuchte erneut, ihr MiniLab-Gerät in der Öffentlichkeit zu demonstrieren und es als neues, funktionierendes Gerät auszugeben, aber dieses Mal gelang es ihr nicht, jemanden zu täuschen. Einige Investoren reichten eine Sammelklage ein, und die Apothekenkette Walgreens schloss sich ihnen an.

So kam dank der freien Presse, die selbst der Eigentümer nicht zu beeinflussen wagte, einer der grandiosesten Betrügereien des Silicon Valley ans Licht. Es ist kaum vorstellbar, welchen Schaden es für die Patienten hätte bedeuten können, wenn fehlerhafte Geräte in Umlauf gekommen wären. Viele verloren Geld, für einige hatte die Geschichte noch schwerwiegendere Folgen, aber dennoch kam die Wahrheit ans Licht.

Diese dokumentarische Recherche wirft viele Fragen auf, zusätzlich zur Aufdeckung des Betrugs. Wer war Elizabeth Holmes - eine geborene Betrügerin, ein unerfahrenes junges Mädchen, ein Tölpel, der vom Schicksal hochgehalten wurde, aber es nicht schaffte, seine Chance zu ergreifen?

Carreyrou hat keine eindeutige Antwort. Er weiß nicht, ob Elizabeth eine Soziopathin war und überlässt diese Frage den Psychologen. Er kann nur behaupten, dass ihr moralischer Kompass stark verzerrt war.

Vielleicht war Elizabeth eine zu junge und unreife Person, um die Verantwortung für das Unternehmen zu übernehmen. Wahrscheinlich war es ihre Kindlichkeit, die die älteren Investoren in die Irre führte - sie verband sich nicht mit dem Image des Betrügers, und Holmes wollte zunächst auch niemanden betrügen.

Sie hatte keine Zeit, Lebenserfahrung zu sammeln, und ihr Ehrgeiz überschattete die Realität völlig. Sie behandelte Menschen wie ein Kind mit Spielzeug - sie näherte sich ihnen, solange sie sie mochte, und verwarf sie, wenn sie gelangweilt war. Sie überschritt mühelos alle ethischen Schranken, wenn sie das Gefühl hatte, dass sie ihrem Ziel im Wege standen.

Vielleicht greift jemand die Idee für sie auf - Theranos ist ja noch nicht geschlossen. Aber das wird eine andere Geschichte sein.

Bad Blood

Bad Blood. Quelle: flickr / kellywritershouse / CC BY 2.0

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