Chips speichern besser als Gehirne, so lagern wir Hirnleistung in Clouds ab. Müssen wir überhaupt noch Informationen abspeichern?

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Können Sie sich noch daran erinnern, wie sehr sie als Kind damit gekämpft haben ein Gedicht auswendig aufzusagen? Im Erwachsenenalter sind das derlei Dinge nicht mehr, aber jeder kennt das sicherlich, dass einem ein Name nicht mehr einfällt oder Begebenheiten einfach nicht mehr präsent sind. Einfach weg. Es liegt einem möglicherweise "auf der Zunge", aber abrufbar ist es nicht mehr. War das früher schon so oder ist eine abnehmende Merkfähigkeit ein Zeichen des neuen digitalen Zeitalters?

Die ständige Abrufbarkeit von Informationen in der modernen Welt beeinflusst unser Leben, ganz klar, unsere Gehirnleistung und Merkfähigkeit möglicherweise auch.

Eine neue Studie, die in der Fachzeitschrift "Memory" veröffentlicht wurde, beleuchtet das Phänomen des kognitiven Über-Informationsangebotes, das uns durch Google, GPS und andere Technologien das Leben mitunter einfacher gestalten kann. Wir benutzen diese Dinge, um Informationen gewissermaßen auszulagern, in eine Cloud.

Je größer die Menge der zur Verfügung gestellten Informationen über Smartphones und andere Geräte zugänglich ist, desto abhängiger von ihnen sind wir in unserem täglichen Leben.

Denkprozesse verlangsamen sich

Eine andere Erkenntnis: Ständiger Zugriffs auf Informationen im Internet verschlechtert das Gedächtnis einer Person und verlangsamt Denkprozesse. Dies ist die Schlussfolgerung, die Wissenschaftler an der University of California in Santa Cruz und der University of Illinois gezogen haben.

"Je größer die Menge der zur Verfügung gestellten Informationen über Smartphones und andere Geräte zugänglich ist, desto abhängiger von ihnen sind wir in unserem täglichen Leben," - sagte der Autor der Studie Benjamin Storm. Er behauptet, dass Menschen ohne es zu wissen, bereits das Internet als "eine zusätzliche Festplatte" in seinem Speicher-System nutzen.

Er nennt es "kognitives Entladen" - die Fähigkeit, jederzeit Hintergrundinformationen über das Internet zu finden. Es ermöglicht uns, Ressourcen des Gehirns für wichtigere Zwecke freizugeben. Jedoch, wie die Forschung zeigt, werden das eigene Gedächtnis und andere kognitive Fähigkeiten geschwächt. Storm merkt an, dass dieser Effekt besonders deutlich wird, wenn man im Internet nach Informationen gesucht hat.

Kognitiver Informationsüberfluss

Der Begriff des kognitiven Informationsüberflusses wurde vom kanadischen Wissenschaftler Evan F. Risko und seinem britischen Kollegen Sam Gilbert geprägt. Beiden zufolge, wird sich dieser Prozess über Jahrzehnte fortsetzen. Beispielsweise benutzen wir seit Jahrzehnten Taschenrechner und schreiben wichtige Termine in Kalender. Vergleiche massiverer Art lässt das Internet zu, so dass die Frage nachdem, was es mit unseren Gehirne anstellen wird, durchaus berechtigt ist.
Got Brain

Got Brain. Bildquelle: flickr / Dimitar Dimitrov / CC BY 2.0

 

Wer greift wann zum Smartphone?

Bei der gemeinsamen Forschung wurde getestet, welche der Probanden (Studenten, Durchschnittsalter: 20 Jahre) bei bestimmten Fragen zum Smartphone griffen. Man wollte herausfinden, welche der Teilnehmer für die Beantwortung der Fragen das Internet aufsuchten.

Forscher haben für sie einen Satz aus sechzehn Fragen aus den Bereichen Geschichte, Sport und Pop-Kultur vorbereitet. Das Experiment fand in einem Quiz-Format statt und wurde in zwei Phasen unterteilt.

In der ersten Phase wurden acht ziemlich schwierige Fragen gestellt – die, nach der Meinung der Forscher, nur wenige Studenten ohne Hilfe des Internets beantworten können. Zum Beispiel: "Was hat König Johann im Jahr 1215 getan?" oder "Wer wurde der nächste Präsident, nachdem John F. Kennedy ermordet war?" etc. Teilnehmer wurden in zwei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe erhielt die Möglichkeit sich Informationen über Google abzurufen, die andere Gruppe konnte sich nur auf sich selber verlassen.

In der zweiten Phase des Experiments, wurden einfache Fragen gestellt und beide Gruppen erhielten Zugriff auf das Internet.

Die erste Gruppe, die Google nutzen durfte, antwortete weiterhin immer mit Hilfe aus dem Internet, obwohl die Fragen nun sehr viel einfacher waren. Die Forscher behaupten, dass 30% von ihnen nicht einmal auf eigene Faust versucht haben, die einfachsten Fragen zu beantworten wie: "Was ist Big Ben?" Und "Wie viele Sternzeichen gibt es?"

Je mehr Informationen über das Internet abrufbar sind, desto mehr verlassen wir uns im täglichen Leben darauf.

Ergebnisse

Ganz im Kontrast standen dazu diejenigen aus der zweiten Gruppe, die sich nur auf die eigene Merkfähigkeit verlassen konnten, bei ihnen wurde mehr nachgedacht, bevor man eine Antwort gab, sprich es fand mehr Hirnaktivität statt. Bei den sehr trivialen Fragen, gaben die Teilnehmer, die kein Internet hatten, sehr viel schnellere Antworten. Benjamin Storm war maßgeblich an der Auswertung der Studie beteiligt und nach seiner Auffassung sind ganz klare Ergebnisse daraus abzulesen: "Je mehr Informationen über das Internet abrufbar sind, desto mehr verlassen wir uns im täglichen Leben darauf."

Die Studien zeigt auch, dass Teilnehmer immer dann das Internet aufsuchten, wenn man davon ausging, dass die Informationen dort hochwertiger sein würden, sprich besser als die Informationen, die man selber aus seinem Gedächtnis abrufen könnte. Wir denken, dass ein Informationsüberfluss die eigene Merkfähigkeit zunehmend beeinflussen wird.

Future. Bildquelle: flickr / Daniel Foster / CC BY 2.0

Was bringt uns die Zukunft?

Das Gehirn ist anpassungsfähig und reagiert auf Außeneinflüsse. Man geht davon aus, dass aus der zukünftigen Technologie Nachteile erwachsen könnten, die die eigene Hirnleistung des Menschen weiterhin schwächen.

 

Zukünftige Technologien

Ebenso geht man davon aus, dass aus der zukünftigen Technologie Nachteile erwachsen könnten, die die eigene Hirnleistung des Menschen schwächen. In einer anderen Studie durften Teilnehmer in einem Museum Kunstwerke mit Digitalkameras ablichten. Die Forscher konnten feststellen, dass sie bei denjenigen, die die Kunstwerke fotografiert haben, die Merkfähigkeit reduziert wurde, sprich die Teilnehmer, die Fotos gemacht hatten konnten sich weniger an Details der Kunstwerke erinnern. Probanden, die keine Fotos gemacht hatten, konnten sich sehr viel besser die Kunstwerke merken.

Heute geht man davon aus, dass der Gebrauch von Computern zu einer neuen Vernetzung innerhalb menschlicher Gehirne führen könnte. Eine Studie hat aufgezeigt, dass bei bestimmten Einflüssen über den Computer sehr direkt Hirnareale angesprochen werden, die bei bekannten äußeren Einflüssen kaum tangiert werden. Der Buchautor Nicholas Carr stellt in seinem Buch "Is Google Making us Stupid?" heraus, dass die Konzentrationsfähigkeit und Multitasking durch häufigen Gebrauch von Computern abnimmt. Auch die Kreativität sieht Carr in seiner Entwicklung bedroht.

Future World

Future World. Bildquelle: flickr / Moiggi Interactive / CC BY 2.0

 

Andere Autoren teilen seine Auffassung und erkennen, dass auch der Einsatz von Readern und das Lesen von Texten auf Computerbildschirmen dazu führen kann, dass sich das Leseverhalten auch in Zukunft noch dramatischer ändern wird. Maryanne Wolf, eine Psychologieprofessorin an der Tufts University, stellt den Umstand in den Vordergrund, dass sich unser Leseverhalten geändert hat. Ihr zufolge liest man heute anders. Es wird mehr überflogen, der Leser möchte sehr viel schneller seine Informationen und geht weniger in die Tiefe des Textes. Der Leser erwartet heute eine schnelle Information in kleinen Einheiten. Das ist jedoch jedem Online Marketer längst bekannt.

Das Gehirn ist anpassungsfähig und reagiert auf Außeneinflüsse. Es wird noch einige Zeit dauern, bis Wissenschaftler genau herausstellen, wie genau die kognitiven Veränderungen im Hirn sein werden, die ursächlich über Computer kommen.

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